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30. Juli 2019: Das Lob der Leere – München streitet über zwei Hochhäuser von Herzog & de Meuron – von Oliver Elser auf ad.magazin.de

Darf ein Haus die Frauenkirche überragen? Oliver Elser, Kurator des Deutschen Architekturmuseums, über einen Entwurf von Herzog & de Meuron, der die Skyline der bayerischen Hauptstadt radikal verändern soll.
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Ach, München, was hast Du für Probleme? Aus der Perspektive Frankfurts ist das eine drollige Debatte, die nun ausgebrochen ist, nachdem die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron ihre Pläne für ein neues Wohn- und Büroviertel rings um die spektakuläre Betonschale der ehemaligen Paketposthalle präsentiert haben. Der kalkulierte Tabubruch des Entwurfs besteht darin, neben vielen innovativen Ideen wie einem komplett autofreien Quartier auch zwei Hochhäuser mit jeweils 155 Metern Höhe vorzuschlagen. Das ist eine Höhenmarke, die in Frankfurt bereits 1976 geknackt wurde. In München aber entschieden die Bürger im Jahr 2004, dass kein Hochhaus höher sein darf als die Zwillingstürme der Frauenkirche. Diese 100-Meter-Grenze hat nun ihre Bindungskraft verloren, die Diskussion ist eröffnet. Der Landesdenkmalpfleger Mathias Pfeil sieht eine historische Blickachse gefährdet, der renommierte Architekt Matthias Sauerbruch, Berlin, fragt sich, ob die Doppeltürme wirklich etwas Besonderes sind – oder nur dem Investor eine höhere Rendite sichern sollen.
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Das denkmalgeschützte Bauwerk aus dem Jahr 1969 wird leergeräumt und bildet einen riesigen leeren Stadtplatz, überwölbt von einem filigranen Betontragwerk von 146,8 Metern Spannweite und einer Länge von 124 Metern. Mit münchnerischem Maß gemessen bedeutet das: Dort passt das Spielfeld des FC Bayern (105 mal 68 Meter) fast doppelt hinein. Einen so gewaltigen überdachten Platzraum gibt es nirgendwo sonst. Die Fläche solle gemäß einem „kuratorischen Konzept“ wechselnd bespielt werden, heißt es im Planungsgutachten. Ein solches Lob der Leere wäre radikal und einzigartig. Ungewöhnlich ist auch das Konzept für die Wohnungsbauten, mit denen die Halle umgeben werden soll. Sie sind nicht durch Straßen, sondern mit „Gassen“ voneinander getrennt, so formulieren es Herzog & de Meuron. Der öffentliche Raum ohne Autos, auch das ist ein viel zu selten in Neubauquartieren erprobtes Prinzip.
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Doch was wäre, wenn auch die Hochhäuser so innovativ gedacht würden, wie alles andere? Bisher sind sie nur modisch geschwungene Platzhalter, architektonisch nicht ausformuliert, in den Computeranimationen fast „gschamig“ der Himmelfarbe angepasst, ja beinahe zum Verschwinden gebracht. So zart dahergetupft werden sie in der Realität niemals wirken. Warum dann nicht in die Offensive gehen, noch ein weiteres Experiment wagen und Türme bauen, die nicht nur gut aussehen, sondern auf jedem Höhenmeter auch tatsächlich etwas zu bieten haben? Ökologisch, aus Holz. Oder energetisch, durch den Verzicht auf schwer zu kühlende Glasfassaden. Der Geist ist aus der Flasche, jetzt heißt es, die Architekten an ihr Ethos zu erinnern, immer wieder etwas Neues zu wagen.
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Oliver Elser auf ad-magazin.de
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